Einige Empfehlungen für den "normalen" Schnitt

 

Alle Tipps, Hinweise oder Empfehlungen beruhen auf Erfahrungen. Immer wieder bestätigte Erfahrungen führen dann früher oder später zur Formulierung von Regeln. Diese geben eine verlässliche Orientierung und helfen Neulingen oder weniger erfahrenen Leuten, Fehler zu vermeiden. Doch keine Regel gilt absolut. Auch beim Filmschnitt gilt: Keine Regel ohne Ausnahme! Beim Filmemachen sollte aber jeder Bruch einer Regel gestalterisch oder dramaturgisch begründet sein. Unkenntnis ist keine Rechtfertigung für eine Regelverletzung. Nachfolgend ein paar grundlegende Empfehlungen für den 'normalen' Schnitt:

 

  • Eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Der Schnitt muss technisch/handwerklich sauber sein (z.B. keine versehentlich stehen gebliebene Einzelbilder oder "Sprünge" bei Bewegungen im Bild).
  • Beim 'normalen' (erzählenden) Film wird ein Vorgang, ein Ereignis, eine Szene schon beim Filmen in mehrere unterschiedlicher Einstellungen aufgelöst. Dabei wird nicht nur die Einstellungsgröße variiert, sondern zugleich auch die Kameraposition und/oder die Kameraperspektive. Auf diese Weise wird im normalerweise zweidimensionalen Film die fehlende dritte Dimension dargestellt. Schon beim Filmen muss also das notwendige Rohmaterial (= genügend unterschiedliche "Schüsse" von einer Szene) aufgenommen werden, damit daraus später beim Schnitt sogenannte Sequenzen (Bildfolgen) montiertwerden können. Besteht eine Schnittfolge lediglich aus einer Aneinanderreihung von Einstellungen ohne inhaltlichen oder zeitlichen Bezug miteinander, spricht man ironisierend von einer "Dia-Schau" und nicht von Film.
  • Die Abfolge der Schnitte führt den Zuschauer entweder an etwas heran oder von etwas weg. Beim traditionellen Schnitt wird eine Sequenz mit einer Totalen eröffnet. Sie gibt einen ersten Überblick und führt in den Handlungsort ein. Danach wird der Zuschauer über die ½-Totale und die ½-Nah-Aufnahme schrittweise näher an das Geschehen herangeführt, bis er mit Hilfe von Nah-, Groß- oder Detailaufnahmen ganz nah dran ist. Um den Zuschauer von den Details eines Handlungsortes oder eines Geschehens (wieder) wegzuführen, geht man den umgekehrten Weg und öffnet den Blickwinkel wieder über Halbnah und ½-Totale bis hin zur Totalen.
  • Soll gezielt Spannung oder Neugierde beim Zuschauer erzeugt werden, kann man auch einmal eine Sequenz mit einer Detail- oder Großaufnahme beginnen. Erst anschließend wird dem Zuschauer dann durch schrittweise weiter werdende Einstellungen (z.B. ½-Nah, ½-Totale, Totale) die Gesamtschau auf den Handlungsort bzw. das Geschehen eröffnet. Die gleiche Funktion kann als Eröffnung einer neuen Sequenz auch ein Aufzoom (vom Detail zur Totale) übernehmen.
  • Nah- und vor allem Groß- und Detailaufnahmen machen in hohem Maß die Faszination und Magie des Mediums Filmaus! Fehlen solche Einstellungen, wird der Zuschauer im wahrsten Sinne des Wortes vom Geschehen fern gehalten. Aufgrund der gewählten Einstellungsgrößen kann er alles nur mit einem gewissen Abstand betrachten und wird sozusagen "auf Distanz" gehalten. Ein versierter Filmer denkt deshalb schon bei seinen Aufnahmen unbedingt an genügend Nah- und Großaufnahmen. Vergisst er sie, kann er das später beim Schneiden nicht mehr "reparieren".
  • Ständiges Hin- und Herspringen von unterschiedlichen Einstellungsgrößen innerhalb einer Sequenz (d.h.: heran, zurück und wieder heran…) irritiert den Zuschauer und gilt als Schnittfehler.
  • Bei der Montage einer Sequenz sollte ein "schockierender Schnitt" vermieden werden. Darunter versteht man, dass mit einem Schnitt mehrere Einstellungsgrößen übersprungen werden (z.B. Schnitt von einer ½-Totalen direkt auf eine Großaufnahme). Empfehlung: Nie mehr als eine Einstellungsgröße überspringen.
  • Auf Kontinuität der Bewegung(en) achten. Wird in eine laufende Bewegung bzw. in einen Handlungsablauf hinein geschnitten (z.B. aufgrund eines  Wechsels der Einstellungsgröße und/oder der Kameraposition), dürfen dadurch keine störenden "Sprünge" entstehen. Ein in der Einstellung A gezeigter Bewegungsablauf muss in der nachfolgenden Einstellung B absolut flüssig fortgesetzt werden. Der gefilmte Vorgang darf also nach dem Schnitt weder vor- oder zurückspringen, noch darf ein "Loch" im Bewegungsablauf entstehen. Um problemlos Sequenzen von Handlungsabläufen schneiden zu können, müssen die verschiedenen Einstellungen unbedingt "überlappend" gefilmt werden.
  • Kürzen bedeutet Würzen! (Fast) jeder Film gewinnt an Schwung und wird intensiver, wenn man ihn komprimiert. Doch viele Filmer tun sich z.T. sehr schwer damit, Unnötiges oder Unwesentliches aus ihren Filmen zu entfernen – speziell dann, wenn eine Szene oder bestimmte Einstellungen "ganz besonders toll" gelungen sind. Wenn diese aber die Story nicht weiter bringen, gilt selbst für die wunderbarsten Aufnahmen der harte Profi-Spruch: "Kill your darlings!". Schmerzhaft, aber hilfreich.
  • Die Kunst des Auslassens: Die Ellipse (griech.: Élleipsis = Aussparung). Film ist niemals die Abbildung der Realität im Verhältnis 1:1. Ständig muss Unwesentliches ausgelassen werden. Entsprechend muss auch nicht jede Szene in eine detaillierte Sequenz mit sehr vielen Einstellungen aufgelöst werden. Ob und wann dies geschieht, ist abhängig von der gestalterischen Absicht des Autors, d.h. von der Bedeutung, die dieser der entsprechenden Szene im Rahmen der Gesamtgeschichte einräumt. Bei einer Ellipse werden beim Schnitt alle für das Verständnis entbehrlichen Handlungsteile weggelassen. Dem Zuschauer gehen dabei keine relevanten Informationen verloren. Die fehlenden Stücke erschließen sich ihm aus dem Zusammenhang. Auch entstehende Raum- und Zeitsprünge überbrückt er automatisch aufgrund seiner filmischen Seherfahrungen. Durch Ellipsen kommt die Handlung schneller voran, sie erhöhen das Tempo und damit die Spannung in einem Film.
  • Die richtige Dauer einer Einstellungen (d.h. nicht zu kurz, nicht zu lang) hängt in erster Linie von der jeweiligen Einstellungsgröße ab. Um die vielen Bildinformationen einer Totalen oder einer Panoramaaufnahme aufzunehmen, benötigt der Zuschauer naturgemäß mehr Zeit als für das Erfassung einer Großaufnahme mit relativ wenigen Details. Folglich kann um so schneller, d.h. kürzer, geschnitten werden, je mehr die Einstellungsgröße in Richtung Großaufnahme geht. Der Zuschauer hat ja zunehmend weniger Bildinformation zu verarbeiten. Doch Achtung: Detail- oder Makro-Aufnahmen müssen wiederum deutlich länger stehen. Denn hier muss bzw. möchte der Zuschauer genügend Zeit haben, um sich auf den überraschenden, eventuell ungewohnte Bildausschnitt einzustellen und um die erst bei genauerer Betrachtung ins Auge fallenden Einzelheiten aufzunehmen bzw. sie ggf. auch zu genießen.
  • Faustregel für die Dauer von Einstellungen: Walter Murch, mehrfacher Oscar-Gewinner für Schnitt und für Tongestaltung, hat hierfür eine Faustregel formuliert: Wenn der Zuschauer eine Einstellung "begriffen" hat,  dann: Schnitt! Das setzt übrigens die Fähigkeit des Cutters voraus, sich in die Wahrnehmungssituation des Zuschauers zu versetzen. Walter Murch hat u.a. mehrere Filme zusammen Francis Ford Coppola gemacht ("Apocalypse Now", "Der Pate").
  • Das Schnitttempo drückt aus, wie viel Zeit dem Zuschauer für die Wahrnehmung der einzelnen Einstellungen gegeben wird. Diese Zeit kann knapp oder großzügig bemessen sein. Das Schnitttempo sollte stets jene Stimmung widerspiegeln, unterstützen oder aufbauen, die durch die Bild- bzw. Filmaussage vermittelt werden soll. Schnelle, kurze Schnitte passen zu Hektik oder Spannung. Lange Einstellungen vermitteln in der Regel eine eher getragene, lyrische, vielleicht auch bedrückende Stimmung. Ungewöhnlich lange Einstellungen können aber auch wieder extreme Spannung erzeugen!
  • Rhythmischer Schnitt. Ein besonderes gestalterisches Stilmittel ist der sogenannte rhythmische Schnitt. Hier folgt der Schnitt konsequent einem bestimmten Zeittakt. Besonders deutlich wird das, wenn beispielsweise auf das Taktmaß einer Musik geschnitten wird. Man kann auch (zusätzlich oder alternativ) auf musikalische Akzente bzw. Betonungen in einer Melodie schneiden. Ein rhythmischer Schnitt für muss sich aber nicht zwingend auf ein Musikstück beziehen. Im Prinzip können alle in einem Film sichtbaren oder hörbaren Ereignisse als "Taktgeber" für einen rhythmischenSchnitt genutzt werden (z.B. der Sekundenzeiger bzw. das Ticken einer Uhr, Glockenschläge vom Kirchturm, Schritte, Herzschläge, rhythmische Bewegungen im Bild, das Blinkzeichen eines Leuchtturms usw.).

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